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#76 Bitter – der unterschätzte Geschmack mit Maik Behrens

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Show Notes

Über Süße reden alle. Über Bitter fast niemand – dabei hat kein anderer Geschmack so lange darüber entschieden, was der Mensch schluckt und was er wieder ausspuckt.

Maik Behrens leitet am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie die Arbeitsgruppe Taste & Odor Systems Reception. Er erforscht Bitterrezeptoren auf molekularer Ebene – und benutzt dabei die menschliche Zunge so selten wie möglich. Der Grund ist banal: Wer Strychnin vermessen will, kann es keinem Sensorik-Panel vorsetzen.

Stattdessen arbeitet sein Labor mit dem, was die Presse gern künstliche Zunge nennt. Menschliche Bitterrezeptoren wandern in Zellkulturen, die mit Geschmack nichts zu tun haben. In Testschalen mit 96 Vertiefungen misst eine Maschine, ab welcher Konzentration ein Rezeptor anspringt. Eine Viertelstunde pro Durchgang, am Ende steht eine exakte Zahl – etwas, das ein menschlicher Proband nie liefern kann.

Dass Menschen so unterschiedlich schmecken, zeigt Behrens am Rezeptor TAS2R38. Rund 70 Prozent der Europäerinnen und Europäer tragen die funktionierende Variante und empfinden Kohl und Brokkoli als deutlich bitter. Die übrigen 30 Prozent bemerken davon fast nichts. Der Streit am Sonntagstisch lässt sich also genetisch klären.

Der überraschendste Fund steckt in einem Patent von 1955. Cyclamat und Saccharin schmecken einzeln in hoher Konzentration bitter. Mischt man sie im Verhältnis neun zu eins, verschwindet die Bitterkeit. Sechzig Jahre lang nutzte die Industrie das, ohne zu wissen, warum. Die Gruppe von Behrens fand die Erklärung: Jeder der beiden Stoffe blockiert genau die Bitterrezeptoren, die der andere aktiviert. Zwei Moleküle, und schon war die Wirkung nicht vorhersehbar. Ein Lebensmittel enthält Hunderte.

Daraus wurde ein eigenes Forschungsfeld: Bitterblocker. Einen fand das Labor gemeinsam mit einer amerikanischen Firma, einen zweiten in einer Pflanze, aus der man früher Absinth herstellte. Der praktische Nutzen liegt weniger im Supermarktregal als in der Apotheke – bei Fiebersäften und Medikamenten für Kleinkinder, die man heute mit sehr viel Süße übertüncht, weil es nicht anders geht.

Dazu ein Aha-Moment für alle, die schon einmal etwas als „metallisch" beschrieben haben: Das ist kein Geschmack. Das ist Geruch. Nase zuhalten genügt als Beweis. Und wer bei Schnupfen sagt, er schmecke nichts mehr, liegt sachlich daneben.

Ein Satz bleibt besonders hängen: Geschmacksrezeptoren kennt die Wissenschaft erst seit dem Jahr 2000. Bei einem Sinn, den jeder von uns jeden Tag benutzt, sind sechsundzwanzig Jahre Forschung sehr wenig.

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